Endlich Sommer, angenehme Temperaturen, kein Regen, oder wenn, dann bitte nicht zu viel. Aber Dürre wollen wir auch nicht, denn die Natur braucht die Feuchtigkeit. Viele haben Zeit, die Natur zu genießen, mal auszuspannen. Da passt unser Lied des Monats „Der Erde Schöpfer und ihr Herr“, GL 469, ganz wunderbar. Es steht im Gotteslob unter den Schöpfungsliedern und thematisiert das Sprießen und Reifen der Saat.
Marie Luise Thurmair schuf den Text auf der Grundlage des frühmittelalterlichen Hymnus „Telluris ingens conditor“. Die 2005 verstorbene Dichterin war katholische Theologin; viele Lieder und Gesänge unseres Gesangbuches hat sie textlich verfasst, so auch GL 484 „Dank sei dir Vater“ oder GL 354 „Gott ist dreifaltig einer“.
Den mittelalterlichen Hymnus, der die Genesis-Schöpfungsgeschichte aufgreift, formt Thurmair um in vier Strophen. Die erste holt weit auf, erzählt vom Schöpfer und greift die doppelte Bedeutung unseres Wortes Erde auf: im Sinne von Erde – Erdreich und Erde – unserem Planeten. Gott hat die Erde geschaffen, Meer und Land geschieden, die Flut zurückgedrängt und der Erde festen Grund gegeben.
Erst das ist die Voraussetzung, dass überhaupt Leben entstehen kann. Davon erzählt die 2. Strophe: Der feste Grund aus der Auftaktstrophe ist essentielle Voraussetzung, dass „gute Saat“ sprießen kann, dass wir die Schönheit der Blumen genießen können, und noch mehr: dass Früchte reifen, die uns Nahrung geben.
Die dritte Strophe wird plötzlich hochpoetisch und führt ins Theologische über: Das Erdreich ist bis in die Tiefe verbrannt, ausgedörrt. Aber Gott schafft es neu, belebt es – durch seine Gnade. So wie der Tau die Erde wieder lockert, so belebt er den Menschen durch seine Gnade. Und so wie der gelockerte Boden wieder Feuchtigkeit aufnehmen kann, so kann der Mensch Gottes Wort aufnehmen.
In der letzten Strophe zeigt sich das Lied einmal mehr als Hymnus, also einem Lobgesang, der immer mit der sogenannten Doxologie endet: Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Hl. Geist….. (in verschiedenen Varianten). Die Strophe schlägt so den Bogen zum dreifaltigen Gott, der uns all das schenkt und die Schöpfung durch den Heiligen Geist zur Vollendung führt.
Vertont ist dieses Gedicht mit einer schlichten Melodie im wiegenden Dreierrhythmus, die den Umfang einer Oktave nicht überschreitet. Der Textvorlage entsprechend ist das Lied vierzeilig, erhebt sich aus tiefer Lage kommend, um dann im zweiten und dritten Abschnitt jeweils zweimal den Spitzenton zu erreichen. Den Abschluss bildet eine musikalische Wiederholung der ersten Zeile, wodurch ein Bezug zum Anfang, wie ein Rahmen, hergestellt wird.
Jörg Rasbach