„Jerusalem du hochgebaute Stadt, wollt Gott, ich wär in dir“ – für manche mag dieser Text wenig verständlich sein: Sehnsucht nach Jerusalem ist vielen fremd, und das nicht nur aufgrund scheinbar ewiger Konflikte im Heiligen Land. Unser Lied des Monats steht aber unter der Gesangbuch-Rubrik „Die himmlische Stadt“, gemeint ist also das himmlische Jerusalem.

Das Lied entstand 1626, also zurzeit des Dreißigjährigen Krieges; der Dichter Johann Matthäus Meyfart war lutherischer Pfarrer, Theologieprofessor und zur Zeit der Abfassung des Liedes Schulrektor in Coburg. Im Herbst 1626 hielt er eine vierteilige Predigtreihe über die „letzten Dinge: Tod, Gericht, ewige Seligkeit und Verdammnis. Den Schluss der dritten Predigt „Von der Freude und Herrligkeit / welche alle Außerwehlte in dem ewigen Leben zu gewarten haben“ bildet das Jerusalem-Lied.

In Kontext dieser Predigt steht der Inhalt des Liedes: Es birgt ein wahres Kaleidoskop an Bildern und schöpft aus der Fülle der biblischen Vorstellungen – insbesondere aus der Offenbarung des Johannes – wie dieses himmlische Jerusalem wohl aussehen könnte. Es veranschaulicht gewissermaßen die „Himmelfahrt der Seele“ und die Herrlichkeit des neuen Jerusalems als geistige Stadt Gottes.

Die ersten beiden Strophen beschreiben die Sehnsucht nach dieser Stadt und erzählen vom auserwählten Volk, das ihr entgegen geht. Die weiteren, in unserem Gotteslob abgedruckten Strophen schildern die Vorstellung, wie es dort wohl aussehen mag: Man sieht dort Heilige, Propheten, Patriarchen, die einst ihr Kreuz getragen haben, jetzt in Freiheit und „Glanz und Gloria“ schweben. Der Gläubige selbst wird – dort angekommen – voll des Glückes sein und Gott loben. Die letzte Strophe breitet diese Vorstellung aus, wie Gottes Lob mit Instrumenten und unzähligen Chören dort erklingt. Inhaltlich erinnert dieser Text an die letzte Strophe des bekannten Liedes „Wachet auf, ruft uns die Stimme“: „Gloria, sei dir gesungen mit Menschen- und mit Engelszungen“ – und es ist kein Zufall, dass jenes Lied in unserem Gottes-lob genau daneben abgedruckt ist.

Die Melodie des Jerusalem-Liedes ist wahrscheinlich von Melchior Franck, der zurzeit der Liedentstehung auch in Coburg wirkte. Sie atmet kaum die Sehnsucht zu Gottes Stadt; vielmehr beschreibt sie in Duktus und fanfarenähnlicher Motivik eine festliche Stimmung, wie sie in der neuen Stadt Gottes erwartet wird: Vom Gipfelton c aus geht sie in Dreiklangsbrechung zum Tiefton und lotet damit schon ganz zu Anfang den kompletten Tonraum des Liedes aus, bezeugt vielleicht auch die Niederkunft des himmlischen Jerusalem. Der zweite Teil der Melodie schwingt ruhig und entspannt, bevor die letzte Zeile wieder, vom Hochton kommend, in ausgedehntem Fluss auf dem Grundton schließt. Musikalisch ist diese Melodie von besonderer Schönheit und wird sicher in unseren Gottesdiensten schnell erlernt werden.

Jörg Rasbach