Mit dem „Lied des Monats“ wollen wir in loser Folge etwas unbekanntere Lieder aus unserem Gotteslob kennenlernen. Neben einer Textbetrachtung im „Kreuz und quer“ und auf der Internetseite wird das Lied von unseren Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusikern in den Gottesdiensten musikalisch erschlossen, mit den Gemeinden eingeübt und anschließend auch öfter gesungen.

 

 

Das neue Lied des Monats steht im Gotteslob unter der Rubrik „Österliche Bußzeit“. Die Melodie und der Text stammen aus völlig unterschiedlichen Zeiten: Die Melodie wurde vom Theologen Johann Anastasius Freylinghausen aus Halle im Jahr 1708 für ein Gesangbuch komponiert. Den Text hat der Theologe und Germanist Raymund Weber über 270 Jahre später verfasst, im Jahr 1982. Ursprünglich war er für eine andere Melodie vorgesehen. Erst im neuen Gotteslob haben Text und Melodie zusammen gefunden.

Mich spricht der Text dieses Liedes sehr an. Jede der drei Strophen formuliert eine Fülle von Bitten: Zeige! Komm! Behüte! Hör! Sende! Wende!… Schon in der ersten Zeile wird deutlich, dass die Sache mit dem Bitten gar nicht so einfach ist: Allmacht und Güte – kann das überhaupt zusammen gehen? Ein allmächtiger und zugleich gütiger Gott, wie kann der das Leid in der Welt zulassen? Ein gütiger Gott würde es verhindern wollen, ein allmächtiger Gott würde es verhindern können. Hat es dann überhaupt einen Sinn, mit einem Bittgebet zu Gott zu kommen? Das Lied gibt keine vorschnellen Antworten auf diese Frage, formuliert aber die Bitte um den Heiligen Geist: Das Feuer dieses Geistes kann uns inspirieren und motivieren, so dass wir selbst zu „Werkzeugen der Verheißung“ werden. „Lehr uns aus Glaube und Liebe zu handeln und so uns selbst und die Welt zu verwandeln.“, so heißt es in der zweiten Strophe. Beten und Handeln scheinen demnach zueinander zu gehören. Und so können wir alle daran mitwirken, dass „das Reich des Friedens“ auf unserer Erde wächst. In der dritten Strophe heißt es dann: „Lehr uns Verzeihen, Vertrauen, Geduld.“ Vielleicht wird ja daraus ein Vorsatz für die österliche Bußzeit…

Was die Melodie angeht, so habe ich interessante Ausführungen von Meinrad Walter gefunden. Er schreibt: „Betrachtet man sie näher (gemeint ist: die Tonfolge des dritt- und viertletzten Taktes), entpuppt sie sich sogar als die Tonfolge des Anfangs, nur von rückwärts gelesen und beim ersten Ton eine Oktave höher beginnend. Dieses musikalische Spiel heißt „Krebsgang“–eine Art musikalischer „Umkehr“, die Komponisten wie Johann Sebastian Bach sogar als musikalisch-theologische Vokabel der Umkehr verwenden.“

Spannend – wie ich finde. Ob es uns „musikalischen Laien“ beim Singen auffällt, bleibt abzuwarten…

Petra Frey