Leider musste die für Sonntag, 22. Januar geplante Verabschiedung von Kooperator Oliver Seis krankheitsbedingt ausfallen. Wer ihm einen Gruß zukommen lassen möchte, kann diesen gerne im Zentralen Pfarrbüro abgeben. Es ist geplant, dass einige Vertreterinnen und Vertreter des Pfarrgemeinderates ihm diese Grüße als Delegation der Pfarrei überbringen, sobald es für ihn gesundheitlich möglich ist.

Lesen Sie hier seine persönlichen Gedanken im Rückblick auf die Zeit in Neuwied:

Schon ein wenig früher als gedacht musste ich mich von Ihnen und Euch aus Neuwied verabschieden. Schuld daran war ein Bandscheibenvorfall, der mich seit Oktober plagt und der sich im November noch einmal verschlimmert hat. Leider kann daher auch eine vom Pfarrgemeinderat geplante Verabschiedung nicht stattfinden. Ich hätte wirklich gerne vielen noch „Auf Wiedersehen“ gesagt, aber es ist momentan leider nicht möglich. Daher möchte ich mich auf diesem Wege bei Ihnen und Euch für die vergangenen sechs Jahre in Neuwied bedanken. Der eine oder die andere wird froh sein, dass ich Neuwied in Richtung Koblenz verlasse, aber einigen tut es auch leid. Mir fällt der Abschied, ehrlich gesagt, auch nicht leicht…

Petra Frey fragte mich, ob ich vielleicht einen kleinen Rückblick auf die sechs Jahre im Pfarrbrief schreiben könne. Beim Diskutieren mit ihr, wie denn dieser Rückblick aussehen soll, kam mir ein Wort in den Sinn, das insbesondere mein letztes Jahr in Neuwied geprägt hat: Transformation. Denn so überschrieben wir die sogenannten „Kreuzer Abende“ in der Offenen Gemeinde Heilig Kreuz und luden dazu verschiedene Referentinnen und Referenten ein oder stellten Veranstaltungen unter dieses Leitwort. Aber eigentlich ist es mein Leitwort der vergangenen sechs Jahre.

Transformation kenne ich als Begriff aus der Betriebswirtschaftslehre. Der Theologie ist dieser Begriff eher fremd – der Kirche sowieso. Besonders spannend finde ich seine Bedeutung in der Bodenkunde. Denn der Begriff Transformation beschreibt dort, dass Boden umgewandelt oder umgeformt, aber nicht verlagert wird. Letzteres ist einfach, und man nennt es Bodenaustausch. Hierzu wird ein Bagger bestellt, der den alten und ausgelaugten Boden abträgt und der an dessen Stelle fruchtbaren Mutterboden einfügt.

Mein Anliegen war ein anderes. In den vergangenen Jahren in Neuwied wollte ich dabei mitwirken, Gemeinde weiterzuentwickeln, umzuformen, umzuwandeln. Dies wurde einerseits durch Kolleg*innen und Ehrenamtliche an mich herangetragen, gleichzeitig begann ich dafür immer mehr selbst zu brennen. So ging es mir vor allem um das Zusammenbringen der verschiedenen Begabungen (Charismen) unserer Gemeindemitglieder mit den Zeichen der Zeit. Als Zeichen der Zeit verstehe ich die Herausforderungen, vor denen die Menschen in Neuwied stehen. Das sind z. B. Armut, Einsamkeit, ökologische Herausforderungen, Krieg mit der Aufnahme von Geflüchteten… Ich glaube, dass an der Schnittstelle der Begabungen jedes und jeder Einzelnen und den gesellschaftlichen Herausforderungen, Gemeinde lebendig wird und sich das Evangelium verwirklicht.

Dass die Begabungen der Einzelnen und die Herausforderungen sich begegnen, dass solch eine Schnittstelle entstehen kann, dazu braucht es m. E. immer wieder eine Transformation unserer Gemeinden, eine Öffnung hin auf den Anderen mit seinen Sorgen und Problemen. Ich weiß, dass diese Zielrichtung der Transformation einigen nicht gepasst hat. Aber ich glaube, dass wir nur durch diese Wandlung in Richtung der Zeichen der Zeit als Kirche noch eine Berechtigung haben. Ich bin davon überzeugt, dass wir so in der Nachfolge Jesu stehen, der den Menschen das Reich Gottes nahe bringt, sie aus Armut, Einsamkeit, Entfremdung und Gewalt befreien wollte. Was ich mit „Transformation“ zu beschreiben versuche, nannte Jesus „Umkehr“.

Der Prozess der Transformation heißt in der Bodenkunde Humifizierung. Was der Humus ist, das kann man eigentlich gar nicht so genau sagen – er ist vielfältig, voller Leben. Durch die Aktivität der vielen Organismen in diesem Humus entsteht der Prozess der Transformation – von totem Boden, der aus Kohlenhydraten, Lignin und stickstoffhaltigen Verbindungen besteht, hin zu lebendigem und fruchtbarem Boden. Für mich ist das eben auch ein Bild von Kirche heute. Toten Boden gibt es in der Kirche genug, nämlich da, wo Transformation abgelehnt wird. Wir brauchen Humus. Jeder Organismus, jedes Teil in diesem Humus hat seine Aufgabe und steht in Beziehung zu all den anderen Organismen.

Wir haben das Evangelium, diese frohe Botschaft Jesu und seiner Gefährten, die Geschichte einer langen Gotteserfahrung unserer jüdischen Brüder und Schwestern. Wir sehen engagierte nichtreligiöse Menschen, die sich aus ihrem Innern, ihrem Gewissen heraus für eine Transformation unserer Gesellschaft einsetzen.

Auch in ihnen ist der auferstandene Christus gegenwärtig, selbst wenn sie ihn nicht beim Namen rufen. Wenn wir uns durch das Evangelium, durch Jesus transformieren lassen und uns so den Herausforderungen unserer Welt stellen, dann entsteht Humus, dann entsteht lebendige Erde, in der etwas wachsen kann, dann wächst das Reich Gottes.

Dass Sie und Ihr dieses Evangelium lebendig haltet und so zu lebendigen Humus für die Menschen in Neuwied werdet, das wünsche ich mir von Herzen. So bleibe der Segen Gottes bei Ihnen und bei Euch allen.

Ihr / Euer Oliver Seis

 


 

Wir sagen „Tschüss und Danke“

Zum 1. Januar 2023 hat unser Kooperator Oliver Seis Neuwied verlassen. Er wird mit einem Stellenanteil von 50 % Pfarrer der Koblenzer Pfarrei St. Petrus und St. Martinus, die die Gemeinden Neuendorf, Lützel und Kesselheim umfasst.  Mit den übrigen 50 % arbeitet er weiter im missionarischen Team des Visitationsbezirkes Koblenz.

Seit 2016 war er zunächst als Kaplan, später als Kooperator in unserer Pfarrei tätig, zuletzt mit dem Stellenumfang von (offiziell) 50 %.

Oliver Seis hat in den Jahren in Neuwied sehr viel bewegt und bewirkt. Dabei war sein Tun und Handeln immer prophetisch-samaritanisch geprägt. Sein Christ- und Priestersein zeigte sich für ihn vor allem im konkreten Dienst an den Menschen: Er packte da an und setzte sich dort ein, wo es notwendig war – im eigentlichen Sinn des Wortes: sei es bei den Wohnungslosen, den Flüchtlingen, den Hilfsbedürftigen… Er war prägend für die Entwicklung der Offenen Gemeinde Hl. Kreuz und beim Kunstprojekt ION. Für die Messdiener und Messdienerinnen und die Jugend unserer Pfarrei war er Ansprech- und Bezugsperson. Im Seelsorge-Team war er oft Ideengeber, Motor, kreativer Kopf und „Macher“ im pastoralen Alltag. Er hat sich für alles, was er tat, immer mit seiner ganzen Person, mit all seiner Kraft und Energie ein- und oft auch ausgesetzt.

Wir wünschen ihm, dass er auch in seiner neuen Wirkungsstätte weiter so engagiert und begeistert mit den Menschen als Seelsorger unterwegs bleibt – motiviert vom Handeln Jesu und inspiriert vom Wort Gottes, aus dem heraus er seinen Dienst ausübt.

Petra Frey,
Koordinatorin der Seelsorge